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"Artefakte sind salonfähig" SILK*Fluegge & STWST

Keine theatralische Gesten im Raum

Das Performanceprojekt „Artefakte sind salonfähig“ wurde von Silke Grabinger und SILK Fluegge im Rahmen des größer konzipierten STWST-Projekts »Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« entwickelt und umgesetzt. 

Die Art der Zusammenarbeit und der Projektentwicklung gestaltete sich durch Absprache der Rahmensetzungen der grundsätzlichen Zielsetzungen und der Orientierung über den multidisziplinären und multimethodischen Zugang. Wesentlich für das Gesamtprojekt war der bewusst offen angelegte Recherchezugang der Prozessorientierung innerhalb einer zirkulierenden Recherche. Ein Spezifikum war der (halb)öffentliche Rechercheraum. Die Projektentwicklung erfolgte durch diese Faktoren und Spezifika, weiters durch Diskussionen der künstlerischen wie methodischen Potentiale des Gesamtszenarios von „Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum“.  

„Artefakte sind salonfähig“ wurde in dieser Gesamteinbettung als eigenständige performative Arbeit entwickelt und umgesetzt, die Ergebnisse fließen in den Stadtwerkstatt-Projektkontext zurück, bzw sind sie Teil der zirkulierenden Recherche, um die inhaltliche und methodische Reflexion zu ermöglichen und das Projekt „Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum“ weitertreiben zu können. „Artefakte sind salonfähig“ hat außerdem das Potential für eine eigene performative Entwicklungslinie.


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Wesentliche Teile des so ausgerufenen zirkulierenden Recherche- und Kunstprojektes in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses der STWST sind und waren bis jetzt folgende Komponenten im Gesamtkontext des Projektes:

- Einzelinterviews und Gesprächsrunden mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Stadtwerkstatt und Cafe Strom;
Recherchen hinsichtlich anderer autonomer Orte und Kunstfelder;

- Recherchen hinsichtlich diskrepanter gesellschaftlicher Reaktionen auf angesprochene gesellschaftliche Problemlagen und ihrer Manifestation an diversen Orten oder auch in diversen Medien;

- Recherchen hinsichtlich möglicher künstlerischer und methodischer Zugänge;

- die Entwicklung multidisziplinärer und multimethodischer Zugänge;

- Textproduktion für die Zeitung Versorgerin;

- eine öffentlich zugängliche Filmvorführung, sowie eine Diskursveranstaltung mit DiskutantInnen aus dem sozialarbeiterischen wie akademischen Feld;

- und nicht zuletzt als wesentlicher Kernbestandteil der Recherchephasen am und im Ort:
die kooperative Beauftragung von Recherchen durch wissenschaftlich und künstlerisch fundierte MitarbeiterInnen, wie etwa zweier Wissenschaftlerinnen mit soziologisch/sozialarbeiterischem Background und der hier mit ihren Ergebnissen vorliegenden  performativen Recherchezugänge von SILK Fluegge.    









































"Artefakte sind salonfähig"

Dieses Performanceprojekt ist im Rahmen des Projektes »Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« über einen Zeitraum von Dezember 2017 und März 2018 entstanden. In den ersten zwei Monaten wurde nur recherchiert von 8 PerformerInnen von SILK Fluegge. In dieser Zeit wurde teilgenommen und beobachtet und es wurden keine performativen Interventionen gesetzt. Ab Februar wurden dann bewusste Performative Interventionen gesetzt, die unter vier Hauptthemen gesetzt wurden. 

Artefakte der Gewalt sind salonfähig / Artefakte der Liebe sind salonfähig / Artefakte der Verweigerung sind salonfähig / Artefakte der Erweiterung sind salonfähig

Die Interventionen sind nicht als theatralische Gesten im Raum zu verstehen, sondern sind Verschiebungen von gewohnten Fortgeh-Mechanismen und gezielt gesetzte Eingriffe, die bewusst als auch unbewusst vom Besucher des Ortes wahrgenommen werden. 


Die Recherche

"Der Ausdruck `Raum´ (space) ist in sich abstrakter als der Ausdruck `Ort´ (lieu), der sich zumindest auf ein Ereignis stützt (das stattgefunden hat - qui a eu lieu), auf einen Mythos (einen Flurnamen - lieu-dit) oder auf eine Geschichte (einen Schauplatz der Geschichte - haut lieu). Er stützt sich zugleich auf etwas Ausgedehntes, einen Abstand zwischen zwei Dingen oder Punkten (man lässt einen `Raum´ von zwei Metern zwischen den Pfosten eines Zaunes) oder auf eine zeitliche Größe (im Zeitraum einer Woche)." (Marc Augé, Nicht-Orte. 1994, S. 68)
Der Raum der Stadtwerkstatt ist ein offenes Veranstaltungs- und Projekthaus in Linz. 1979 gegründet und es ist das älteste autonome Kulturzentrum von Linz. https://stwst.at/
Fast 40 Jahre Kunst und Kulturgeschichte wurde in der Stadtwerkstatt geschrieben und es wird auch weiterhin in den Räumlichkeiten Cafe Strom, Lichthof und dem Veranstaltungssaal und den Büros gearbeitet, kreiert, diskutiert und gefeiert. Silke Grabinger hat mit sieben PerformerInnen - Gergely Dudas, Emil Felhofer, Franciska Grill, Charles Kaltenbacher, Adelina Nita, Olga Swietlicka, Barbara Vuzem und sich selbst - zuerst recherchiert um dann gemeinsam Interventionen gesetzt. Es sind Interventionen mit Kommentaren entstanden mit Beobachtungen, die von Silke Grabinger als Artefakte behandelt werden.








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"Artefakte der Gewalt sind salonfähig"

Intervention - The Artist being watsched 
Zu jeder vollen Stunde schlägt entweder Silke Grabinger Emil Felhofer ins Gesicht und verlässt danach die Tanzfläche im Strom, oder umgekehrt. 

"Androhungen von watschen. The Artist being watsched. The Artist is watsched.
11:00 Silke / Des woar heftig
12:00 Emil / Einer hat ihn gepackt
1:00 Silke / Oida wos geht mit dir?
2:00 Emil / Nichts
3:00 Silke / 2 girls in love: „bist du abgelenkt von ihr?
„I hab das nur wegen dir getan“, „Warum machst da des?“
- „Ihr habt ja auch nichts getan." (Silke Grabinger, 11.02.2018)

"Heute war das erste mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte richtig zu arbeiten. Fortgehen ist anstrengend wenn man es mit performativer Haltung tut. Watschen einem Mann gegenüber alleine sind den Leuten richtig Wurst/sehr gleichgültig. Einmal hatte ich richtig schiss gleich eine draufzukriegen. Der Moment in dem ich Silke das erste mal geschlagen habe, habe ich in dem Moment gemerkt, okay es ist doch nicht wurscht was ich hier mache, Leute bemerken das. Ich bin nicht auf einer Bühne. Leute wissen nicht was ich hier mache. Ich merke richtig wir mir Blicke zuteil werden: „Ich weiß du bist der der vorhin eine Frau geschlagen hat.“ Ich fühle mich sehr unwohl und stehe arg unter Stress wenn ich durch das Strom laufe." (Emil Felhofer, 11.02.2018)

 

 

"Artefakte der Liebe sind salonfähig"


Intervention - Luftküssen
Zu jeder vollen Stunde küssen 4 Performer: Gergely Dudas, Barbara Vuzem, Silke Grabinger und Emil Felhofer für drei Minuten die Luft. 

"12:00 / Was machst du da für Grimassen?
1:00 / Niemand auf der Tanzfläche
2:00 /„es ist alles okay“
3:00 / Einer hat sich bekreuzigt

Beobachtung: Im Strom wird von oben nach unten gestreichelt. Im Saal wird seitwärts gestreichelt." (Silke Grabinger, 16.02.2018)

"Die Luftküsse sorgen für Verwunderung bei den Umstehenden. Anfangs sind die meisten Leute irritiert, doch nach einer kurzen Zeit, akzeptieren sie es und finden es sogar irgendwie auch schön. Die Luftküsse haben dadurch für mich etwas queeres. Etwas, das man sonst nicht so oft sieht, und was etwas ungewöhnlich ist, aber wenn man kurz darüber nachdenkt, merkt,  dass es voll in Ordnung ist. Aber manche haben es überhaupt nicht gepackt, haben richtig versucht, dass ich damit aufhöre." (Emil Felhofer, 16.02.2018)

"Same reaction with kissing. People got confused. In my case they were either just observing and having their unspoken opinion or they took as a trigger and started a conversation with me." (Barbara Vuzem, 16.02.2018)

 

 


"Artefakte der Verweigerung sind salonfähig"

Intervention - Un-Ort 
Im Lichthof befindet sich ein `Un-Ort´. Ein Platz an dem niemals jemand steht oder sich nur ungern aufhält. Dieser Platz ist immer frei.   

"First night in STWST and Cafe STROM. No tasks yet, only observing. I was sitting in the smoking area in Lichthof and discovered invisable trails that people left behind. From Cafe Strom up to concert room always passing on the side and leaving big empty space in the middle of the Lichthof. See the picture in the folder. I tried my best to draw it on the paper. That was happening around 23.15." (Barbara Vuzem, 5.1.2018)

"ich positioniere mich stehend für 2 Stunden im `Unort´
Raum im Lichthof direkt im Durchgang vor Eingang Strom 
4 streifen mich nur dann
wenn ich nicht hingeschaut habe.
Nach 2 Stunden werden Dinge auf mich geschmissen.
Es ist nicht auszuhalten das jemand den `Unort´ besetzt." (Silke Grabinger, 11.02.2018)


Beobachtung -  Leute aufgehalten Beim Pflanzen ausreissen
ich: hey, lässt du das bitte?
Antwort: nein
ich: was ist Autorität?
Antwort: okay dann lass ich es halt.  (Silke Grabinger 3:45 Strom, 16.02.2018)

 

Intervention - Sturmmaske
Emil Felhofer tanzt mit einer Sturmmaske auf der Tanzfläche 

"Eineinhalb Stunden unter der Sturmhaube sind anstrengend. Ich verweigere das zeigen meiner „Identität“ Viele negative Blicke wurden mir gegenübergebracht. Ein paar sind auf mich zugekommen. Wollten, dass ich die Sturmhaube abnehme. Zwei haben mir sogar ins Gesicht gegriffen und wollten die Sturmhaube runterziehen. Mit zwei hab ich mich länger unterhalten. Der eine meinte, dass es ihm sehr unwohl ist. Und es ihm lieber wär wenn ich die Maske runternehmen oder weggehen würde. Ich hab dann zweiteres gemacht. Der andere unterhält sich solang mit mir, dass er sagt, „ah, ich seh die maske gar nicht mehr.“" (Emil Felhofer 9.3.2018)


Intervention - Verneinung
Silke Grabinger hält von 11:30 -2:30 eine Verneinende andauernde horizontale Kopfbewegung - Quergenickt.  

"Beim horizontalen Kopfnicken, wird jedes Gespräch negativ. Es ist als würde die Verneinung überhandnehmen. Ich treffe ihn, er hat seinen Job verloren. Die Beratung für Flüchtlinge wird eingestellt. Weil die Regierung meint - wir brauchen das nicht. Der andere spricht über Kolumbien und Angst. Es wird die Angst ausgeleert. Wir verweigern die Menschen hinaus. Ich verweigere die Menschen hinaus.

Ich komme wieder ins Strom zurück
einer der versucht hat Blickkontakt über den Abend aufzunehmen
und ich verweigerte
hält seine Hand vor sein Gesicht
um mein Nein nicht mehr zu sehen
Ablehnung wird Sicher."

1:30
Ich erfahre erste Anzeichen der Desorientierung.  

Warum ist das so?
ich verweigere
wenige sind es
die so sind
so hungrig
viele sind
die einfach so sind
so unbeeindruckt
so belanglos
ich habe keine Lust mehr auf unhungrig
ich habe keine Lust mehr auf belanglos
auf so weitermachen weil es immer so war
ich habe keine Lust mehr auf begeistern
auf gefallen
auf gefällig werden
ich verweigere mich.
Die Erweiterung."

2:30
ich verweigere mich der Beobachtung. 

3:30
Ich habe die Verweigerung aufgegeben
mein Kopf verneint nicht mehr nur mein Inneres..
ich bin im Stereomix des Lichthofes
bitte rette mich
er
rettet mich." 
(Silke Grabinger 9.3.2018)

 

 


"Artefakte der Erweiterung sind salonfähig" 

Intervention - Nach jemanden rufen der nicht da ist
Adelina Nita, Silke Grabinger, Olga Swietlicka rufen laut nach Personen die nicht anwesend sind aus der SILK Fluegge Compagnie. 

"Schreien nach Leuten die nicht da sind.
„Pscht“ sagt klein dick
Alle reagieren mit." (Silke Grabinger, 16.02.2018)

"With “calling the names of people from the company” task I could see people reacting and being confused with my behaviour. The moment of setting up the video and recording took the “seriousness/ reality/honesty” factors away. As I had to be preoccupied if there is only me on the video if its recording switching it off etc… " (Olga Swietlicka, 24.02.2018) 

Intervention - Walzer
Silke Grabinger und Gergely Dudas tanzen Walzer auf der Tanzfläche.

"Walzer auf der Tanzfläche getanzt, keine Ahnung wie lang
lang
teilweise ausweichend
ein Kommentar, schwer verständlich
und
na Hoppla!
3er Walzer ist zu techno beat wirklich traurig
Gergely und ich
ich höre von Emil „watch the beat“
aber er sagte „watch the time“." (Silke Grabinger, 16.02.2018) 

"waltzing got us looks, and two annoyed push as if saying „you take too much space, and this is techno wtf are you doing?”. After 4 minutes of waltz nobody cared. we were part of the cacophony of the upper floor." (Gergely Dudas, 16.02.2018)

"Silke and Gergej were dancing waltz upstairs at the concert room. People gave space, but they were also wondering what is going on. At some point I discovered they let it go and went back to them selves." (Barbara Vuzem, 16.02.2018)

Intervention - schreiten
Olga Swietlicka schreitet durch den Lichthof alle 45min. und film es mit timelaps.  

"The documentation of the interventions was the most difficult part of the evening. It is really hard to coordinate the video with spontaneous action and observe the reactions at the same time." (Olga Swietlicka, 24.02.2018) 

Intervention -  Augenkontakt mit jeder*m so lange wie möglich halten. (Nie der erste sein der wegschaut) 
Emil Felhofer hält jedem Augenkontakt stand.
& - In den Blick der starrer starren
Emil drängt sich in den Blick eines Starrers.

"Durch das nicht Wegschauen hab ich eine Verbindung zu manchen der Gäste aufgebaut, ohne je ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Ich bin einer von ihnen geworden. Ich glaube besonders bei people of color, die im Strom oft anders angesehen/wahrgenommen werden als Weiße, ist es etwas seltenes wenn eine Weiße Person den Blickkontakt nicht scheut sondern sogar aktiv aufrecht hält. Ich denke dieses Aufrechthalten wird als Zeichen für Respekt und Anerkennung wahrgenommen. Diese Anerkennung wurde mir wiederum zurückgegeben." Emil Felhofer


Intervention -  Taking a person and bringing it from A to B non verbally
Barbara Vuzem versucht Personen durch den Raum mit einem minimum von 4 Metern von A nach B zu bewegen.


"I was upstairs at the concert room where I observed how people give space to others in order to move from A to B and how people had to find their way to move from A to B through people. What happen to me and I got a bit disturbed is that I found my place and from kindness I gave space to people in order to move from A to B but instead of passing through, they stopped right in front of me. That has nothing to do with me then trying to go in front. I find it interesting how we seem to be focused on the concert/music, that we lose awareness of space and people so we just position ourselves where we feel or want to, not knowing how it will relate or influence on the others." (Barbara Vuzem, 5.1.2018)

"I had a chance to bring few people in Cafe Strom from smoking area to non smoking area. Some I knew, some I did not. All of them naturally reacted as a shock not sure what is really going on. I like this task because I'm creating a mess in space and unwillingly positioning a person from one place to another. Space changes.
Hard part was to no talk to the person afterwards, so I presented my self as a crazy person getting in contact and forcing it to go to another spot. Some actually reacted and wanted to use it as a trigger to start a conversation." (Barbara Vuzem, 16.02.2018) 





Kontext seitens Stadtwerkstatt und Kontext performativer Zugang



„Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum“ wurde als ein über mehrere Monate angelegtes zirkulierendes Recherche- und Kunstprojekt in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses der STWST konzipiert. Das Konzept wurde Ende 2016/Anfang 2017 anlässlich einer Projektausschreibung der Stadt Linz zum Thema »Öffentlichkeit und Verdrängung« konzipiert. Anlass war zu dieser Zeit ein im Haus feststellbarer Peek von Problemlagen in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses speziell während der nächtlichen Ausgehzeiten, die gleichzeitig vielerorts in der Stadt spürbar waren. Die Stadtwerkstatt hat in der Einreichung argumentiert, dass hier gerade wegen der traditionell weitgehend offenen Zugänge in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses nicht nur ein Umgang mit diversen Situationen gefunden werden muss, sondern dass zunehmend Verdrängungen aufgefangen werden, die anderswo in der Stadt passieren. Um das Thema offensiv voranzutreiben, wurde der Ansatz gewählt, die Stadtwerkstatt und das Cafe Strom als denjenigen Freiraum zu untersuchen, als der er ohnehin über Jahre funktioniert – als ein über informelle Regeln und Verhaltensweisen durch HausmitabeiterInnen, aber auch durch assoziierte Partner, Projektmitwirkende, Kooperationspartner, bis hin zu den Gästen mitbestimmter und getragener Ort einer autonomen Szene.









Was im Gesamtkontext des Projektes „Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum“ besonders anzumerken ist – und was allen drei Praxisrecherche vor Ort betraf – ist ein gewählter Zugang einer erstmaligen weitgehenden Zurücknahme der eigenen Anwesenheit hinsichtlich möglichst wenig Aktion. Dies betrifft ohnehin eine methodische Haltung und Sorgfalt einer möglichst großen Wertfreiheit gegenüber dem Recherchezusammenhang. So waren alle Mitwirkenden zuerst aufgerufen, längere Zeit nur zu beobachten, teilzunehmen und sich auch im Zusammenhang des Ausgehens als aufmerksam, aber natürlich zu verhalten. Weitere Spezifika waren außerdem der öffentliche Rechercheort, die Recherchezonen und -zeiten eines Ausgehortes zu nächtlichen Ausgehzeiten. Hier wurde speziell die Gratwanderung einer naheliegenden Methode einer „teilnehmenden Beobachtung“ zugunsten der „Teilnahme“ verschoben und die Beobachtung von äußeren Gegebenheiten wie Ort, Zusammenhänge, einer Ausgehsituation des Ausagierens und des Selbstausdruckes, sehr stark mit der Beobachtung der eigenen Position in der Ausgehsituation konnotiert.

Insofern wurde der Aspekt einer Observation von Gästen – die unbedingt zu vermeiden war – in Richtung Observation von eigenem Verhalten und eigener Positionierung verschoben. Diese methodische Verschiebung führte im Umsetzungsverlauf zu fruchtbaren Reflexionen und Ergebnissen, die in den Gesamtkontext des Projekes eingeflossen sind, bzw im Sinne einer weiterführenden wissenschaftlichen wie künstlerischen Bearbeitung immer noch rückfließen. Im soziologischen und sozialarbeiterischen Kontext konnten so im Laufe des bereits absolvierten Recherchezeitraumes von mehreren Monaten Ergebnisse erzielt werden, in denen sich Aspekte der Selbstbeobachtung in den sozialen, kulturellen Kontexten spiegelten. Die seitens der wissenschaftliche Recherchen situativ und subtil entstandenen Gespräche oder Kontaktaufnahmen scheinen sich als indirekt wirkungsvoll erwiesen zu haben. Im Kontext der performativen Recherchen wurde im Gesamtprojekt und hinsichtlich der künstlerischen Herangehensweise ein anderer Zugang intendiert: In ein Ausgeh-Szenario, das an sich durch Selbstausdruck und als mit diversen sozial bis exzessiven Absichten angefüllter performativer Raum zu verstehen ist, wurden nach einer ersten Phase der Teilnahme mehrere Szenarien entwickelt, wo das Befragen der eigenen Rolle, die Selbstrecherche des persönlichen Handlungsspielraumes in die Überprüfung von Möglichkeiten des künstlerisch-performativen Handlungsspielraumen und in die Entwicklung von performativen Interventionen führte. Möglichkeiten des künstlerisch-performativen Handlungsspielraumes und in die Entwicklung von performativen Interventionen führte. Dies soll natürlich im Sinne der offensiven Erweiterung von Spielraum gelesen werden – statt der an vielen Orten üblichen Reaktion einer Reglementierung. Auf einer künstlerisch-theoretisch reflektierenden Ebene kann eine solche Herangehensweise seitens der Stadtwerkstatt aber auch im Rahmen des Gesamtkonzeptes als intendierte „performative Erhöhung von Komplexität“ benannt werden – an einem Ort, der bereits von sich aus als performativ zu lesen ist. Der Kontext der Performativität eines Ortes lässt sich in einem größer angelegten, bestehenden künstlerischen Zusammenhang einiger Projekte der Stadtwerkstatt lesen, der die Umdefinition von Kontexten, Zusammenhängen und Widersprüchen zu konsistenten oder auch widersprüchlichen „Performern“ des Gesamtzusammenhangs untersucht. Insofern ist hier eine Weiterentwicklung möglich. 
(Auszug Projektreflexion „Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum“, Tanja Brandmayr)

 

 

 

 

 

Artefakte

Artefakt (aus lateinisch ars (ursprünglich) „Bearbeitung“ und facere „machen, herstellen“) bezeichnet in der Archäologie und der Anthropologie einen von Menschen hergestellten Gegenstand. (https://de.wikipedia.org/wiki/Artefakt_(Archäologie))
Silke Grabinger verwendet diesen Begriff und stellt das aus der Recherche und den Interventionen entwickelte Material als Artefakte, die für die Gesellschaft als salonfähig gelten, dar. Die Kunst an der Schnittstelle des Beliebigen, des Üblichen und des Zufälligen. Rituale und Gewohnheiten sind meist an Orte und Räume gebunden.
Silke Grabinger entwickelt durch die mit den PerformerInnen gemeinsam gesetzten Interventionen, ausgehend von der Recherche, neues Performancematerial, das nur in diesem bestimmten, an den Ort gebundenen Fortgeh-Milleu reproduzierbar und rezipiert werden kann. Die Artefakte sind das, was davon übrig bleibt. Eine Frage müsste in einer abendfüllenden Performance als nächster Schritt gestellt werden: Sind diese Artefakte auch an anderen Orten gesellschaftsfähig bzw. was macht sie dort salonfähig? Welche Adaption müssten diese dort vor Ort erfahren? "..denn die Nicht-Orte vermitteln einen ganzen Komplex von Beziehungen zu sich selbst und zu den anderen, die nur indirekt mit ihren Zielen zusammenhängen: So wie die anthropologischen Orte Organisch-Soziales hervorbringen, so schaffen die Nicht-Orte eine solitäre Verträglichkeit." (Marc Augé, Nicht-Orte. 1994, S.96)

Das Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum«

„Das Haus Kirchengasse 4 will ein offener Raum sein, Platz und Möglichkeit für Neues bieten. Technisches, künstlerisches, kulturelles wie gesellschaftliches Labor sein, wir suchen Lösungen abseits ausgetretener Pfade. Ganz konkret im sozialen Aspekt bedeutet das zum Beispiel, dass wir uns ganz bewusst gegen eine Türsteher/Security Politik in der Stadtwerkstatt entschieden haben. Die frei schwebenden Regeln im Haus, die Solidarität und der achtsame Umgang zwischen unseren Gästen machen die Sphäre der Stadtwerkstatt aus, eine übergeordnete Instanz in Form von Türsteherinnen würde diese Stimmung stören. Wir haben uns entschieden, andere Mittel zu wählen, neben dem Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« konnten wir z.b. schon zuvor für unser Cafe Strom-Team einen jungen Syrer gewinnen – der uns hilft, sprachliche und kulturelle Hürden leichter zu überwinden. Integrieren, konfrontieren, in offenen Austausch gehen und Lösungen abseits von strenger Doorpolicy suchen, das ist der Weg, den wir gewählt haben.
Im Haus selbst gibt es unterschiedliche Zonen, die sich in ihrer Zugänglichkeit unterscheiden – von halböffentlichen und leicht zugänglichen Zonen wie das Cafe Strom, den Lichthof oder den Veranstaltungssaal, bis zu halbprivat und nicht so leicht zugänglichen (Werkstatt, Büro, Radio-Studio). In den leichter zugänglichen Räumlichkeiten kann ich eine stärkere Kristallisation von Problemlagen beobachten, dazu bin ich auf die Beobachtungen im Zuge der performativen Recherche zum Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« gespannt." (Jörg Parnreiter und Tanja Brandmayr aus die Versorgerin aus dem Artikel Ich weiß, wo dein Beisl lebt, Ausgabe Dezember 2017)